Kurzgeschichten

Magisches Fieber

Der Himmel war grau wie getrockneter Zement und von derselben Farbe schien die Hautfarbe des Jungen zu sein, der vor ihnen im Bett lag, eingewickelt in Decken und Tüchern, so dass nur sein Gesicht zu sehen war. Die geschlossenen Augen, der gequälte Gesichtsausdruck, das unkontrollierte Zucken seiner Mundwinkel, der glänzende Schweiß auf seiner Stirn, das alles verriet, dass er krank war. Ja, Sarun da Van, der willensstarke, brilliante und vor allem flinke Rebell, lag hilflos im Bett, niedergestreckt von einem Feind, den selbst er nicht bekämpfen konnte.  Die Umstehenden sahen besorgt auf ihn herab. Der Arzt, ein älterer Mann mit vom Wetter gegerbter Haut und schlohweißen Haaren schüttelte den Kopf: „ Das verstehe ich nicht.“, murmelte er, während die Hausherrin, Alira, dem jungen Rebell wieder ein feuchtes Handtuch auf die Stirn legte.
„ Ich verstehe das nicht.“, wiederholte der Alte, „ Das ist kein normales Fieber. Er liegt nun schon seit Tagen so da und keines meiner Medikamente scheint seinen Zustand auch nur ein wenig zu verbessern.“ Er fuhr sich mit der faltigen Hand durch das Haar. Seine Aussage verbreitete noch mehr Sorge unter den Anwesenden. Der alte Malvin war ein hervorragender  Arzt, wenn nicht sogar der Beste des Landes. Neben einer exzellenten Ausbildung verfügte er über einen enormen Erfahrungsschatz, eine Kombination, die ihn zusammen mit der Gabe der richtigen Intuition schon unheilbar geglaubte Krankheiten hatte besiegen lassen. Doch nun stand er ratlos vor Saruns Bett.
Es war nur eine handvoll Menschen im engen Raum versammelt. Fünf  Menschen, die Sarun sich für den Fall seines Todes an seine Seite gewünscht hätte:  Neben dem Arzt Malvin, dem bereits sein Vater vertraut hatte und den er seit seiner frühesten Kindheit kannte, waren das seine Gefährten Alira und ihr Onkel Sen, seine zwei Jahre jüngere Schwester Mira und sein bester Freund, Jarko.
Es war etwas Seltenes in dieser Zeit des Misstrauens, Vertraute oder gar Freunde zu haben. Die Tyrannen hatte systematisch ein Spitzeltum aufgebaut, das darauf ausgerichtet war,  Zwietracht unter den Bewohnern des Landes zu säen, um so jede Gegenbewegung schon im Keim zu ersticken. Dennoch gab es die Rebellen – mit Sarun als deren Lichtgestalt. Und Sarun vertraute Alira, Sen und Jarko blind.
Sen war Mitte Dreißig, groß, muskulös und ein wahres Geschenk für die Rebellen: Er konnte nicht nur mit seinen Waffen hervorragend und beidhändig kämpfen, sondern war bereit, im Ernstfall seinen ganzen Körper im Kampf einzusetzen. Alira wohnte mit ihm zusammen, doch niemand kannte den Grund dafür. Es gab nur Vermutungen: Einige glaubten, ihre Eltern seien im Kampf gegen den Tyrann und seine Horden gestorben, andere schworen darauf, dass Aliras Eltern zum Feind übergelaufen waren, Alira sich aber entschieden hatte, sich gegen ihre Eltern zu stellen um an der Seite der Rebellen zu kämpfen, während wieder andere behaupteten, dass Sen Alira aus einem Waisenhaus mitgebracht hatte und sich nur als ihr Onkel ausgab. Niemand kannte die Wahrheit. Auch wenn diese kleine Geschichte nur unwichtig ist, so zeigt sie doch ein typisches Merkmal der Zeit des Misstrauens, nämlich dass alle Menschen ihre Geheimnisse für sich behielten.  Das Misstrauen ließ wie ein guter Dünger um die Geheimnisse bald Geschichte über Geschichte wuchern, ein Gerücht pflanzte sich aufs andere bis es zu guter Letzt einen undurchdringlichen Dschungel gab, in dem die Menschen nicht mehr zu einander fanden. Vielleicht wusste Sarun um Aliras wahre Geschichte, denn man munkelte, dass zwischen ihm und der schönen Schwarzhaarigen mit den bernsteinfarbenen Augen eine tiefere Verbindung bestand. Jetzt, im Angesicht des kranken Gefährten, wirkte Alira blass und müde. Tiefe Ringe zeichneten sich unter ihren Augen ab.
Jarko, Saruns bester Freund und Vertrauter, lief jetzt in dem Krankenzimmer nervös auf und ab.  Die schlanke und zierliche Statur des rothaarigen Jungen täuschte über seine unglaubliche Kraft und Schnelligkeit hinweg: Er war ein Meister im Bogenschießen und konnte reiten wie der Wind. Seine Drahtigkeit hatte ihm in vergangenen Kämpfen und Schlachten schon so einige Vorteile verschafft. Nervös fuhr er sich durchs Haar und wandte sich an Malvin: „ Was soll das bedeuten? Ihr kennt seine Krankheit nicht?“ Seine Stimme klang aggressiver als er beabsichtigt hatte, doch Malvin ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, sondern fühlte nur zum wohl hundertsten Mal Saruns Puls. Er hatte in den letzten Jahren so viele Gefühlsregungen miterlebt, dass er mittlerweile wusste, wie man am besten damit umging.
Saruns Schwester, Mira, nahm die Szene gar nicht wahr. Sie saß zusammen gekauert in einer Ecke, das Gesicht in den Händen vergraben. Sie wirkte klein und zerbrechlich, wie ein Häufchen Elend. Sie schien nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein. Wer sie kannte, wusste, dass sie nicht weniger selbstbewusst war als ihr Bruder. Hart im Nehmen und mit einem frechen Mundwerk, das oft als ‚große Klappe’ beschimpft wurde, stand sie immer aufrecht und mit erhobenem Kinn da, mit einem lebendigen, angriffslustigen Funkeln in den Augen. Doch in dieser Stunde war ihr davon nichts mehr geblieben. Ihr kurzes, kinnlanges braunes Haar hing traurig neben ihrem Gesicht herunter und ließ sie blasser erscheinen, als sie ohnehin schon war.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Hütte, in der sie sich befanden, war eine von Sens Waldhütten, von denen er, so munkelte man hier wieder, eine Menge besaß. Niemand außer ihm selbst wusste genau, wo seine Verstecke lagen und er lud zu den geheimen Treffen immer nur in einige wenige Unterkünfte ein. Diese Hütte war gut gewählt, denn er hatte sie noch nie für eine Zusammenkunft genutzt. Angesichts des hohen Kopfgelds, das für das Ergreifen Saruns ausgesetzt worden war, war große Vorsicht geboten. Eine höhere Prämie als die auf Saruns Kopf hatte es noch nie gegeben.  Sarun war ein großer Rebell, überraschend bekannt für seine jungen Jahre, vom König gehasst und vom Volk geliebt. Es gab viele, die den König, einen Tyrannen aus einem Reich im Norden, verabscheuten. Vor fünf Jahren hatten die Truppen des Herrschers das damals blühende Land besetzt und unterjocht. Nach dem Sieg hatte sich der Herrscher selbst zum König gekrönt. Kaum einer wagte es, seine Meinung so offen zu zeigen wie die Rebellen, insbesondere so wie Sarun. Seine Liebe zur Wahrheit und sein Mut zum Widerstand hatten ihn bekannt gemacht. Ein paar geniale Streiche waren ihm geglückt, beispielsweise hatte er es geschafft, alle gefangenen Rebellen aus einem Hochsicherheits-Kerker des Winterschlosses des Königs zu befreien. Ein Schloss, das in dem Ruf stand, dass kein Unbefugter es je lebendig verlassen habe. Sarun war daraus aber höchst unbefugt zurückgekehrt, zwar mit einer langen Wunde an seinem linken Arm, aber auch einem breiten Grinsen. Natürlich nicht, ohne seinen Schriftzug auf den königlichen Mauern zu hinterlassen. „Sarun war hier!“ Ein Schriftzug, der fast alle Taten des jungen Rebellen markierte. Es war ein Wunder, wie er die Zeit gefunden hatte, seine Nachricht zu hinterlassen. Viele Rebellen hatten ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt und sich ihm angeschlossen, wenn er neue Pläne schmiedete. So hatten auch Sen und Alira ihn kennen gelernt. Furchtlos, frech und flink.  Jarko kannte ihn schon viel länger, seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Mit dem Schmerz, den er jetzt verspürte, konnte er jedoch nicht umgehen, und er verwandelte sich in Wut. Wut auf den Arzt, dessen Wissen scheinbar nicht helfen konnte, Wut auf die Umstehenden, die nichts unternahmen und Wut auf die Rebellen, die sich bereits von Sarun abgewandt hatten und ihn für tot erklärt hatten.
„ Es ist mir unerklärlich.“, hörten sie Jarko murmeln, der wie ein gefangenes wildes Tier, hektisch auf und ab im Kreis lief.,„ Wie kann er sich dieses Fieber eingefangen haben? Bis vor wenigen Tagen hatten wir das beste Wetter, keine Spur von Regen oder Wind. “
„ Die alte Frau Dobran sagt, dass er vielleicht verflucht wurde.“, murmelte Mira aus ihrer Ecke, immer noch nicht aufblickend.
„ Schwachsinn.“, konterte Jarko, „ Ich glaube nicht an so einen Unsinn. Du doch auch nicht. Außerdem trug Sarun immer sein silbernes Amulett zum Schutz.“
„ Nein, um einen Fluch handelt es sich gewiss nicht.“, stimmte auch Malvin ihm zu, „ Das würde ich sicherlich merken, und es gibt heut zu Tage nur noch wenige Menschen, die wissen, wie man von Flüchen Gebrauch machen kann.“, er hielt inne, nach einer Weile fuhr er jedoch mit flüsternder Stimme fort, „Ich weiß nicht, was es ist, aber irgend etwas stimmt nicht, es ist kein normales Fieber. Es scheint, als hätten andere Mächte ihr Händchen im Spiel.“
Sie verfielen wieder in Schweigen. Saruns röchelnder Atem war das einzige, was zu hören war. Malvin untersuchte Sarun ein weiteres Mal.
„ Was sollen wir nur tun?“, fragte Alira schließlich mit dünner Stimme.
Marvin richtete sich plötzlich auf und klatschte in die Hände, wie um einen Akt zu beenden und um den nächsten anfangen zu lassen: „ Ich gebe auf. Ich weiß nicht, was unserem jungen Rebell fehlt. Ich brauche Hilfe.“
„ Wen können wir um Hilfe bitten?“, fragte Sen kritisch. Seine Stirn war gerunzelt.  Seit vor knapp einem Jahr Agenten der Garde des Un-Vertrauens eine größere Rebellengruppe infiltriert hatten und dies zu zahlreichen Festnahmen geführt hatte, vertrauten die Rebellen einander nicht mehr. Sie zogen sich in ihre kleinen Gruppen zurück und sprachen nur noch mit ihren engsten Vertrauten. Aus der schlagkräftigen, mächtigen Truppe waren kleine Splittergruppen geworden. Sarun war die Symbolfigur für die neue Kraft der Bewegung geworden, ihm hatten viele der Rebellen wieder vertraut, doch seit er krank im Bett lag schwand die Hoffnung wieder und viele gingen ihre eigenen Wege. Wenn die Rebellen nun irgendwo zuschlugen, so waren es nur unkoordinierte Aktionen kleiner Gruppen von maximal fünf  Personen und meistens bewirkten diese nicht viel. Skeptisch blickten also die Anderen den alten Arzt an. Wen konnte er um Hilfe bitten, um den meist gesuchten Rebell Armaniens zu kurieren?  Menschen, das war zumindest Sens Einstellung, sind korrupt und bestechlich. Für Geld würden sie sogar ihren Lieblingsrebell an den Feind verraten. Saruns Gesicht war im ganzen Land bekannt.
„ Ich kenne Jemanden…“, begann Malvin, „ Der uns vielleicht helfen kann.“
„ Und wer soll das sein?“, fragte Jarko gereizt.
„ Es ist eine besondere Frau, eine Hexe.“, erwiderte Malvin.
„ Ich dachte Sarun ist nicht verflucht.“, platzte es aus Alira heraus.
„ Das ist er sicher auch nicht.“, erwiderte Malvin, „ Aber Hexen sind auch für ihre guten Heilgetränke bekannt. Ich bin mit meinem Medizinerwissen am Ende – wir sollten es wenigstens versuchen.“
Sen fuhr dazwischen: „ Eine Hexe kommt mir nicht ins Haus.“
Schweigen.

Jeder wusste, dass Sen Menschen generell misstraute und Sarun die einzige Ausnahme war. Sarun hatte Sen vor Jahren unter Einsatz seines eigenen Lebens das Leben gerettet und so das Vertrauen des robusten Rebellen gewonnen. Doch Sens Misstrauen gegenüber Menschen war Nichts im Vergleich zu dem, das er gegenüber Hexen, Magiern, Elben oder ähnlichem „magischen Gesindel“, wie er sie nannte, hegte. Jarko konnte es ihm nicht übel nehmen, denn nicht alle waren ihnen gutmütig gesinnt, einige konnten durchaus gefährlich sein. Viele Menschen misstrauten den Magiern. Deshalb lebten sie meistens getrennt voneinander. Aber alle der hier versammelten vertrauten Malvin und wenn Malvin einer Hexe vertraute? Und so meldete sich Mira zu Wort: „ Können wir dieser Hexe vertrauen?“
„ Ich vertraue ihr.“, erwiderte Malvin, „ Ich kenne sie noch aus meinen Jugendtagen.“ Über die wusste keiner der Anwesenden etwas, doch wenn die Verbindung so lange hatte bestehen können, so musste wenigstens etwas an ihr vertrauenswürdig sein. Das jedenfalls schlussfolgerte Jarko, und er sagte: „ Wenn es Sarun helfen könnte, sollten wir ihn von ihr untersuchen lassen.“
„ Aber nicht unter diesem Dach.“, knurrte Sen.
„ Saruns Zustand wird von Minute zu Minute schlechter. Er hat schon aufgehört im Schlaf zu reden, um sich zu schlagen. Er bewegt sich kaum noch.“, rief Mira aufgebracht und mit der Energie wieder aufkeimender Hoffnung,  „ Wir wissen nicht, was ihm fehlt und diese Hexe könnte unsere letzte Hoffnung sein. Wir müssen ihn untersuchen lassen.“
„ Ja, Onkel, wir sollten sie herkommen lassen.“, fand auch Alira.
Sens Gesicht schien eine steinernen Maske zu sein, es verriet keine Regung. Es war unmöglich zu erkennen, was er wohl dachte. Schließlich sagte er: „ Nun gut, lasst sie kommen, aber du“, er deutete auf Malvin, „ haftest für sie.“
Mira wusste, wie viel Überwindung diese Entscheidung Sen gekostet haben musste und sie war ihm dankbar.
Malvin nickte: „ Für Grengana würde ich meine Hand ins Feuer legen. Ich breche gleich auf.“, dann wandte er sich an Alira, die den jungen Rebell versorgte, „ Falls es möglich ist, versucht ihm ein bisschen Flüssigkeit einzuflößen. Nutze die Kräuter, die ich dir gestern gegeben habe, weiterhin für die feuchten Wickel. Und hier..“, er kramte etwas aus seiner Umhängetasche hervor, „ Hier sind noch mehr frische Kräuter.“
„ Wann wird die Hexe hier eintreffen?“
„Hoffentlich schon heute Abend.“
Als Malvin gegangen war, herrschte wieder Stille in der Hütte. Sen schüttelte den Kopf, als er auf Sarun nieder blickte. „ Ich glaube nicht, dass er es schaffen wird.“
„ Sag so was nicht.“, stöhnte Alira.
„ Was passiert nur mit ihm? “, Jarko trat einen Schritt näher und betrachtete seinen Freund mit gerunzelter Stirn. Alles, was sie bisher über seine Krankheit wussten, war, dass er an Fieber litt, das offensichtlich nicht ansteckend war. Zumindest hatte sich bis jetzt keiner von ihnen angesteckt. In den letzten Tagen war er gelegentlich noch bei Bewusstsein gewesen, hatte sich aber schlecht und nur stöhnend artikulieren können, jetzt jedoch schien er in einem unruhigen Dauerschlaf gefangen zu sein. Fieberträume plagten ihn. In den ersten Nächten hatten sie noch seinen Worten lauschen können, doch mittlerweile sprach er so undeutlich, dass sie nicht mal mehr seine Träume mitverfolgen konnten.
„ Was ist das?“, hörten sie Jarko plötzlich fragen, der auf Saruns Gesicht deutete. Beim genaueren Betrachten fiel auf, dass sich scharf begrenzte violette Ringe unter seinen Augen gebildet hatten. Alira stellte fest, dass Saruns Fingernägel dieselbe Farbe angenommen hatten. Die vielen blauen Adern an seinem ganzen Körper schienen wesentlich stärker unter seiner blassen Haut hervorzutreten als normalerweise. Oder bildeten sie sich das nur ein?
„ Die Hexe soll ihn sofort angucken.“, flüsterte Mira, die ebenfalls näher getreten war, „Irgendwas stimmt doch hier nicht.“, sie zitterte.
Jarko legte ihr eine Hand auf die Schulter: „ Mach dich nicht wahnsinnig. Warten wir erst einmal ab, was diese Grengana sagt.“
Sen sagte, er müsse noch mal nach draußen und einige Besorgungen für das Abendessen treffen. Er verließ die Hütte und versicherte, dass er noch vor der Hexe und Malvin zurück sei. Alira fuhr sanft mit dem Finger über die Ringe unter Saruns Augen: „ Sie glühen.“, dann murmelte sie, „ Ich frage mich, was Malvin vorhin gesehen hat, als er sich entschlossen hat, die Hexe her zu rufen.“
„ Wie meinst du das?“, fragte Mira verwirrt.
Vorsichtig beugte sich Alira vor und schob Saruns rechtes Augenlid hoch, um seine Augen zu untersuchen. Sie schrak zurück. „ Er hat ganz rote Augen.“
„ Rote Augen?“, fragte Mira erschrocken und wollte ihren Bruder berühren und ebenfalls nachsehen, doch Jarko ging dazwischen: „ Hört auf damit. Wo ist euer Respekt geblieben?“
„ Du hast ja Recht, Jarko, aber das Ganze ist so schrecklich.“, schluchzte Mira. Ein Zittern ließ ihren Körper erschüttern. Sie presste die Lippen aufeinander. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es aus, als wolle sie in Tränen ausbrechen, doch der Rest ihres stählernen Willen unterdrückte die Wellen der Traurigkeit, die ihren Körper zu erfassen drohten.
„ Schrecklich ist das Verhalten einiger der Rebellen.“, kommentierte Jarko, „ Einige wenden sich bereits von Sarun ab, weil sie ihn schon für tot erklärt haben und haben kein Interesse daran mit uns zu arbeiten. Es gibt sogar einige böse Zungen, die behaupten Sarun sei ein Verräter gewesen und nun hätte ihn ein böser Fluch getroffen.“
„ Mein Bruder ist kein Verräter.“, rief Mira aufgebracht und sah Jarko wütend an.
„ Ich weiß das.“, erwiderte dieser, „ Doch Du weißt, wie geschickt die Handlanger des Tyrannen im Zwietrachtsäen sind und bei einige Rebellen ist die Saat auf fruchtbaren Boden gefallen.“
„ Diese Dreckstücke“, begann Mira, „ Mein Bruder riskiert täglich sein Leben für die Freiheit unseres Volkes, er muss sich in Hütten verkriechen und ständig versteckt halten. Er stand kurz davor die Tochter unseres Bürgermeisters aus dem Schloss des Königs zu retten, bevor die Krankheit ihn ins Bett zwang, wie können sie also…“
„ Lass sie.“, fuhr Alira dazwischen, „ Sie haben all ihre Hoffnungen auf Sarun gelegt und können es nun nicht ertragen, dass ein so starker Rebell, ein so großer Held wie Sarun, auch schwach sein kann. Sie sind enttäuscht, weil sie wahrscheinlich eine Menge Märchen über ihn gehört und auch gerne geglaubt haben und nun feststellen mussten, dass auch er ein ganz normaler Mensch ist, der Krankheiten unterlegen ist.“
„ Weise Worte.“, kommentierte Jarko und fuhr sich durchs Haar.
„ Wo ist eigentlich Timothy?“, wollte Mira wissen. Timothy,  Jarko und Sarun waren früher unzertrennlich gewesen, doch seit einigen Tagen, seit Saruns Krankheit, hatte Mira Timothy nicht mehr zu Gesicht bekommen. Was war aus dem rebellischen Trio geworden?
Jarko zuckte mit den Schultern: „ Vielleicht hat er Angst sich anzustecken? In der Stunde der Not lernst du deine wahren Freunde kennen.“
Traurig, aber wahr, dachte Alira und erneuerte den Kräuterwickel auf Saruns glühender Stirn.

Erst gegen Abend kehrte Sen zurück, kurz darauf traf Malvin mit einer sonderbaren Frau im Gefolge ein. Das musste die Hexe Grengana sein. Sen war seit ihrem Eintreffen sehr angespannt, überwachte alles mit seinen Adleraugen und seine rechte Hand ruhte auf dem Schwert. Grengana jedoch ließ sich davon nicht beirren, sie trat selbstbewusst hinter Malvin in das Zimmer. Alira wusste nicht, was sie erwartete hatte, aber Grengana entsprach gar nicht dem Bild, welches sie sich von einer Hexe gemacht hatte. Sie war klein, kleiner sogar als Mira, die bisher die Kleinste im Raum war. Bekleidet mit einem violetten Mantel, dessen Kapuze das Gesicht zuerst bedeckte, trat sie leicht nach vorne gebückt ein. Ihre Hände waren faltig und alt und die linke stützte sich auf einen Stab. An ihrem Finger funkelte ein Ring mit einem großen violetten Edelstein.  Als sie die Kapuze zurück zog kam ein altes, freundliches Gesicht zum Vorschein. Viele Lachfalten durchzogen Grenganas Gesicht. Sie trug einen Ring an der Nase und in jedem Ohr mindestens drei Ohrringe.
„ Das ist Grengana.“, stellte Malvin seine Begleiterin vor, „ Grengana, das sind die Rebellen, der Sicherheit halber verzichten sie auf ihre Namen.“ Sie nickten sich zu.
Sen wurde unwohl bei dem Gedanken, dass Malvin sie als die „Rebellen“ vorgestellt hatte, das war fast so verräterisch, wie ihre Namen zu nennen.
„ Und wo ist der Junge, von dem du berichtet hast?“, verlangte die Hexe zu wissen.
„ Er ist hier.“, sagte Alira, die an Saruns Bettkante saß.
Langsam durchschritt die Hexe den Raum bis zu dem Bett des Kranken, gefolgt von den Anderen. Alira machte Grengana Platz und die Hexe sah sich den Patienten genauer an, legte ihre Hand auf seine Stirn, roch an ihm, schaute in Augen, Mund und Nase und während sie das tat schien sie immer breiter zu lächeln. Jarko registrierte es besorgt und tippte Mira an. Da er es aber nicht wagte zu sprechen, nickte er bloß in Grenganas Richtung und hoffte, dass Mira verstand, doch Mira wandte ihre Augen nicht von ihrem Bruder und sie kaute nervös an ihren Fingernägeln herum.
Grengana schob nun die Decken zur Seite, öffnete Saruns Hemd und hörte seine Brust ab. Dabei fiel Alira auf, dass seine Adern hier nicht blau, sondern violett durch den Körper schienen.  An der Stelle, an der sein Herz lag, hatte sich ein mysteriöses violettes Zeichen gebildet, was einem Auge ähnelte, welches in einer Sonne umschlossen war und dessen Pupille die Form eines kleinen Sternes hatte. Alira hätte schwören können, dass dieses Zeichen am gestrigen Abend, als sie ihn gewaschen hatte, nicht da gewesen war.
Alira spürte die vielen Fragen in der Luft, die drängten beantwortet zu werden, doch der Respekt vor der kleinen Frau war so groß, dass keiner wagte zu sprechen.
Dann endlich war die Untersuchung beendet.
„ Du lächelst.“, stellte Malvin schließlich fest und unterbrach die quälende Stille.
„ Ja.“, antwortete sie mit ihrer angenehmen, ruhigen Stimme, und fuhr in fast amüsiertem Ton fort: „ Es wundert mich nicht, dass du nichts für den Jungen tun konntest, mein lieber Malvin.“
„ Was ist mit ihm?“, platzte es Jarko heraus, aber Grengana beachtete ihn nicht, sondern fuhr mit den Fingern über das Symbol auf Saruns Brust: „ Siehst du das?“, fragte sie noch immer an Malvin gewandt.
Er nickte.
Dann hielt Grengana ihm ihre Handfläche hin und die Alira erhaschte einen Blick auf ihre Handfläche, auf der sich dasselbe Symbol abzeichnete, wie auf Saruns Brust.
„ Oh nein, ist er doch verflucht worden?“, stöhnte Mira, als sie das Symbol sah, doch die Hexe lächelte noch immer, dann wandte sie sich an alle Anwesenden im Raum :„Fürchtet euch nicht, euer Freund ist zu einer hohen Mission berufen, in seinen Adern fließt die Magie. Er macht gerade die Veränderungen durch, die ihn von einem Normalsterblichen zu einem Magier machen werden. Ihr könnt nichts für ihn tun, solange er in dem Prozess des Wandels ist.“
In der Hütte war es jetzt sehr still. Jeder versuchte die Bedeutung dieser Worte zu verstehen.  Wie betäubt standen sie da mit ungläubigen Minen.

„ Was bedeutet das?“, fragte Jarko schließlich, denn er glaubte die Hexe falsch verstanden zu haben.
„ Macht euch keine Sorgen. Sein Fieber wird schnell sinken und sein Körper wird bald wieder normal aussehen, wie auch seine Augen und Adern. Das Einzige, was ihm bleiben wird,  sind diese Zeichen, hier …“, die Alte deutete auf Saruns Brust. „und hier.“ , wobei sie ihnen ihre Handinnenflächen zeigte.
„ Das heißt Sarun ist ein Magier?“, wollte Sen wissen.
„ Es ist noch nicht ganz vollbracht.“, erwiderte Grengana.
Malvin sprang erklärend ein: „ Ein Magier lebt eine gewisse Anzahl an Jahren wie ein Gewöhnlicher auf der Erde. Erst danach setzt auf einmal eine Veränderung ein, so eine Art zweite Pubertät, und unter dieser scheint Sarun gerade zu leiden. Danach ist er in der Lage, Magie zu verwenden. Ich habe diesen Prozess noch nie zuvor gesehen.“
„ Wie lange dauert so was?“, fragte Mira, „ Und wie konnte das passieren?“ Doch das waren nur zwei der Fragen die sie stellen wollte. Wie wird es weiter gehen? Wird er noch derselbe sein? Werden die Rebellen ihn noch akzeptieren, auch wenn er ein Magier ist? Was ist mit den Anderen?
„ Meistens liegt die Veranlagung in der Familie.“, erwiderte die Hexe freundlich, „ Die Dauer der Transformation variiert, dauert aber normalerweise kaum mehr als eine Woche.“ Dann legte sie Mira überraschend eine Hand an die Wange, diese zuckte erschrocken zurück. Die Hexe lächelte, sie hatte genug gespürt: „ Du bist seine Schwester, nicht wahr? Auch in dir stecken Fähigkeiten, doch deine Zeit wird erst noch kommen.“
Grengana schien die Panik in Miras Augen nicht zu bemerken, die ihre Worte in dem Mädchen ausgelöst hatten. Sie schien überhaupt keine Veränderung bemerkt zu haben, aber in vielen Gesichtern, besonders in dem Sens und Jarkos lag blankes Entsetzen und sie betrachteten ihren Freund nunmehr mit Misstrauen und Angst im Blick.
Ihnen allen war klar: Nichts würde mehr wie zuvor werden, sobald Sarun erwachte.
Dann wandte sich die Hexe unvermittelt an Jarko: „ Dein Freund, Sarun da Van, legte sich nieder als starker Rebell, und er wird aufstehen als mächtiger Magier mit neuen Kräften, die unser Land endlich von der Tyrannei dieses so genannten Königs befreien werden. Er wird die Magier und Rebellen vereinen, damit wir gemeinsam gegen den Feind aufstehen können.“